Category Archives: Bildungsserver.de Blog

06Feb/18

„Die NEPS-Studie ist eine große Investition, die für viele Forschungsfragen interessante Daten bietet.“

Quelle: Bildungsserver Blog Autor: Schumann

Forschungsdatenzentren stellen sich vor (3): Das FDZ des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe Das Forschungsdatenzentrum des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (FDZ-LIfBi) stellt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Erhebungsdaten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) zur Verfügung,… Weiterlesen

17Jan/18

„Im digitalen Zeitalter wollen wir bei Lehrenden ein Bewusstsein für urheberrechtliche Problemlagen schaffen – aber auch für Chancen durch offene Lizenzierung“

Quelle: Bildungsserver Blog Autor: Schumann

Open Educational Resources (4) Das Saarländische Ministerium für Bildung und Kultur und das Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) haben eine Handreichung „Lizenzierung und Nutzung offener Bildungsmaterialien“ herausgegeben. Die Broschüre… Weiterlesen

20Dez/17

„Es geht darum, Fragen aufzugreifen, die sich Lehrkräfte im Alltag sowieso stellen.“

Quelle: Bildungsserver Blog Autor: Schumann

Open Educational Resources (3)

INTERVIEW mit Claudia Kuttner vom Projekt LOERSH – Landesweite OER-Qualifizierung Schleswig-Holstein, das sich vorgenommen hat, Open Educational Resources (OER) auf unterschiedlichen Wegen in die Schule zu bringen. Dazu werden in fünf verschiedenen Teilvorhaben Fortbildungen für Lehrkräfte, Lehramtsstudierende, Schülerinnen und Schüler und auch für in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung Tätige angeboten. LOERSH setzt dabei auf das in Schleswig-Holstein bereits etablierte Netzwerk „MediaMatters!“. Mit Frau Kuttner sprachen wir vor allem über ihre Erfahrungen mit Lehrerfortbildungen und: mit welchen Fragen man Lehrer am besten „kriegt“.

Claudia Kuttner vom LOERSH-Projekt

Frau Kuttner, welche Erfahrungen haben Sie und Ihr Team im Rahmen des LOERSH-Projekts mit Lehrerfortbildungen zu Open Educational Resources gemacht?

Das Interesse ist durchaus da. Bislang haben wir in unserem Projektmodul für Lehrerinnen und Lehrer vier schulinterne Fortbildungen für jeweils ganze Kollegien und sechs schulübergreifende Fortbildungen mit im Schnitt 15 Teilnehmenden durchgeführt. Da es sich anfangs vor allem um Workshops für Einsteiger/innen handelte, war das Thema für die meisten neu – wobei sich im Verlauf der Arbeit manchmal auch herausstellte, dass es doch schon bereits Berührungen mit Creative Commons und OER-lizensierten Online-Materialien gab. Die 2- bis 4-stündigen Veranstaltungen eignen sich, um einen Eindruck von der Thematik zu bekommen. Das Thema im größeren Kontext ‚Medienbildung und Schulkultur‘ zu betrachten, ist zeitlich allerdings nur im Rahmen von schulinternen Fortbildungen möglich.

„Wenn man sich ernsthaft mit Medienbildung auseinandersetzt, stößt man automatisch auch auf OER.“

 Indem wir mit Lehrkräften auch die zunehmenden Digitalisierungsprozesse diskutieren, mit denen sich schulische Lehr-Lern-Kultur konfrontiert sieht, betten wir das Thema OER da bewusst in einen größeren Zusammenhang ein. Das führt dazu, dass es eher als interessante Möglichkeit, denn als zusätzliche Anforderung wahrgenommen wird.

Haben Lehrer überhaupt Lust, sich in dieses zusätzliche, neue Thema OER einzuarbeiten?

Über die Resonanz auf unsere Angebote können wir uns jedenfalls nicht beklagen. Das liegt aber wahrscheinlich auch an der Ansprache: In den Mails und Flyern sprechen wir nicht über die vielen im Schulalltag stattfindenden Verletzungen des Urheberrechts oder darüber, warum man jetzt auch noch mit Lehrkräften anderer Schulen digital kooperieren sollte. Stattdessen versuchen wir, die Potentiale von OER hervorzuheben, wie die Entlastung bei der Unterrichtsvorbereitung und das Ende urheberrechtlicher Unsicherheiten bei der eigenen Materialerstellung. Das trifft offensichtlich einen Nerv. Von der Fortbildung erhoffen sie Antworten, um aus der Grauzone rauszukommen.

Der Flyer des Projekt LOERSH

Gelingt es in den Fortbildungen, die Scheu vor rechtlichen Fragen zu nehmen und mit OER zu arbeiten?

Naja, nach zwei Stunden Reden über urheberrechtliche Fragen und Alltagsituationen stellt sich schon auch immer wieder raus, dass die Lage kompliziert ist. Die Inputs der Referenten und Referentinnen zum Urheberrecht erhöhen aber zumindest die Aufmerksamkeit gegenüber alternativen Lizensierungen. Was das Arbeiten mit OER angeht: Bisher empfehlen und erkunden wir vor allem gemeinsam Plattformen und Sammlungen, die frei verwendbare Materialien oder Bilder bereitstellen, und zeigen Wege der gezielten Recherche auf. OER erstellen und teilen wird erst Schwerpunkt der weiterführenden Fortbildungen sein, die 2018 starten.

Teilen denn Lehrer gern?

Im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsprojekt „MediaMatters!“ haben wir rund um schulische Medienbildung zahlreiche Interviews mit Lehrkräften geführt. Da gab es einige Aussagen, die darauf verweisen, dass das Teilen von Materialien innerhalb eines Schulkollegiums kaum Mehrwert für den Einzelnen hat: Jeder habe einen eigenen Unterrichtsstil, eine eigene Sprache, eine eigene Zeiteinteilung. Materialien anderer dem eigenen Stil anzupassen, bedeutet da eigentlich mehr Aufwand, als den Unterricht von Anfang an einfach allein zu planen. Es liegt also weniger daran, dass man nichts hergeben mag, sondern daran, dass man mit dem Material anderer oft nur wenig anfangen kann. Zusammengearbeitet und geteilt wird aber schon – das beobachten wir zum Beispiel, wenn Kolleginnen einer Fachschaft in den Prüfungsphasen Klausuren gemeinsam vorbereiten.

Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus den bisherigen Lehrerfortbildungen?

Dass diese neue Kultur des Teilens bereits im Lehramtsstudium vermittelter und praktizierter Bestandteil werden muss! Nach 20 Jahren Einzelkämpfertum lässt es sich schließlich schwerer davon überzeugen, OER anderer zu nutzen, eigene zu erstellen und dann auch noch in einer anonymen Gruppe – unter Kontrollverlust – zu teilen.

„Es ist nie zu spät, sich mit OER auseinanderzusetzen!“

 Angebote zum Thema Urheberrecht und OER sind aber auch für alle praktizierenden Lehrkräfte wichtig. Spätestens bevor die vielen – ich sag mal – urheberrechtlich bedenklichen Arbeitsblätter auf digitalen Lernplattformen von Schulen landen, sollten die rechtlichen Unsicherheiten geklärt worden sein.

Welche Empfehlungen können Sie für Lehrerfortbildungen zum Thema OER aussprechen?

Fragen aufgreifen, die sich Lehrkräfte im Alltag tatsächlich stellen! Zum Beispiel: Warum ist das Thema OER überhaupt wichtig? Haben Sie sich schon mal gefragt, welche Plattform Sie Ihren Schülern empfehlen könnten, wenn diese Bildmaterial für Ihre Präsentation brauchen? Der Bezug zur Alltagspraxis lässt aufhorchen. Das zeigen vor allem auch die Erfahrungen aus den Einsteiger-Workshops: Am besten liefen die Angebote mit niedrigschwelligem Einstieg. Ein hilfreicher Leitgedanke für Fortbildungen ist zudem: „Ihr stellt euch die Fragen doch sowieso schon! Wir sind jetzt hier, um sie gemeinsam zu diskutieren.“

Herzlichen Dank, für das Gespräch, liebe Frau Kuttner!


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


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13Dez/17

„Die Verfügbarkeit bereits vorhandener Datenbestände könnte mehr Systematik in die qualitative Forschung bringen“

Quelle: bildungsserver Blog Autor: Schumann

Zur Nachnutzung von Daten der qualitativen Bildungs- und Biographieforschung

Open Data in der Bildungsforschung (4)

Prof. Dr. Kreitz, TU Chemnitz und Sprecher der DGfE-Kommission Qualitiative Bildungs- und Biographieforschung

INTERVIEW Dr. Robert Kreitz ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Methoden der Bildungsforschung an der TU Chemnitz und Sprecher der Kommission Qualitative Bildungs- und Biographieforschung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE). Am Rande des gemeinsam von DIPF, Verbund Forschungsdaten Bildung und DGfE ausgerichteten Workshops „Machbarkeit qualitativer Sekundärforschung“ Anfang November in Frankfurt/Main sprachen wir mit ihm über die Position der DGfE und über die Besonderheiten – und Chancen – der Archivierung von qualitativen Daten der Bildungsforschung.

 

Herr Prof. Kreitz, wie steht die DGfE zur Nachnutzung von Daten der qualitativen Bildungsforschung?

Die DGfE teilt grundsätzlich die Bestrebungen der großen Wissenschaftsorganisationen zur Archivierung, Bereitstellung und Nachnutzung von Forschungsdaten und hat deshalb im September dieses Jahres eine Stellungnahme zur Nachnutzung qualitativer Forschungsdaten in der Erziehungswissenschaft veröffentlicht. Allerdings gibt es in den einzelnen Communities auch Vorbehalte.

Wie kann man diesen Befürchtungen entgegentreten?

Die Idee, Datenbestände sekundäranalytisch auszuwerten stammt ja aus der, quantitativen Sozialforschung. Quasi als Gegenbewegung zu diesem Mainstream ist in den 70er und 80er Jahren die qualitative Forschung entstanden. Sie präferiert offene Forschungsverfahren und die Forschungsprozesse sind nicht so stark formalisiert. Der mit Archivierung und Bereitstellung von Datenbeständen einhergehende Bürokratisierungsschub  bricht sich an dieser Tradition. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen sich nun bewusst damit auseinandersetzen, was sie nach der Bearbeitung mit ihren Daten machen sollen: Was wäre ein sicherer Ort für eine Archivierung? Welches System könnte man verwenden? Und: Wer soll die Daten verwalten? Solche Fragen tragen aber zu notwendigen Klärungsprozessen bei.

„Die Aufbereitung und Nachnutzung von Datenbeständen würde der qualitativen Forschung gut tun.“

Sehr reizvoll finde ich auch, dass über die heutigen Archivierungsmöglichkeiten Datenmaterial öffentlich zugänglich gemacht werden kann, ohne die Publikation mit der Präsentation des Datenmaterials zu belasten – wie in der Anfangsphase der qualitativen Forschung, als das Material zum Teil noch in den Publikationen dokumentiert wurde.

Eignen sich qualitative Daten denn überhaupt für eine Nachnutzung?

Wir haben es in der qualitativen Forschung mit sehr unterschiedlichen Datentypen zu tun: Es gibt Interviewtexte und Aufnahmen von Realsituationen, Videos oder Bilddateien. Qualitative Daten zeichnen sich aufgrund der Offenheit der Erhebungssituation dadurch aus, dass sie eine Vielzahl komplexer Informationen liefern, die im Rahmen einzelner Forschungsprojekte gar nicht ausgewertet werden können. Aufgrund der Produktivität der Erhebungsverfahren sind die Daten multipel verwendbar.

Haben Sie ein Beispiel für uns?

Letztes Jahr habe ich in einer älteren Studie aus den 80er Jahren zwei biographische Interviews gelesen. Interessant waren Tonfall und auch Stimmung des Interviews, in der sich ein autoritär-paternalistisches Familienmodell ausdrückte. Wenn man heute Interviews mit den gleichen sozialen Gruppen wie in diesen alten Studien machen würde, bekäme man sehr interessante Daten zum sozialen Wandel! In der quantitativen Forschung hätte man große Mühe, nach 30 Jahren die gleichen Fragen noch einmal zu stellen, weil der Kontext dafür gar nicht mehr existiert. Ein methodisches Problem also, das man in der qualitativen Forschung so nicht hat, weil der Kontext, in dem die Daten zu interpretieren sind, mitgeliefert wird.

Was müsste passieren, damit die Archivierung und Nachnutzung von qualitativen Forschungsdaten von allen Beteiligten akzeptiert wird?

Auf jeden Fall müssten Primärforschende und Fachleute, die mit im Umfeld von Archivierung und Nachnutzung entstehenden Fragen Erfahrung haben, zusammenkommen. Auch der Kontakt zu den Drittmittelgebern muss gesucht werden; dort herrschen vielleicht noch ein paar Illusionen darüber vor, welche unerwünschten Rückeffekte ein zu starkes Insistieren auf eine flächendeckende Archivierung qualitativer Materialen hätte. Wenn beispielsweise zu Beginn narrativer Interviews darauf hingewiesen werden müsste, dass das Interview ins Archiv kommt und unter Umständen noch anderen Forschenden zur Verfügung gestellt wird, würde es höchstwahrscheinlich gar nicht mehr stattfinden.

„Eine bessere Kommunikation zwischen Primärforschenden, Forschungsdokumentaren und Drittmittelgebern wäre sinnvoll.“

Auch die guten Empfehlungen des RatSWD und der Verbund Forschungsdaten Bildung sind vielen qualitativ Forschenden an Universitäten und Instituten kaum oder gar nicht bekannt. Und in der Hochschullehre ist es kaum üblich, Studierende systematisch auf die Möglichkeit der Nachnutzung von Daten hinzuweisen. Man fängt frühestens bei der Promotion an, sich Gedanken darüber zu machen, mit welchen Daten man forschen möchte. Es gibt also auf verschiedenen Ebenen noch einiges zu tun!

Würde die Verfügbarkeit von Forschungsdaten die qualitative Forschung eigentlich verändern?

In der Biographieforschung herrschte – und herrscht bis heute – eine sehr starke Heterogenität vor,  von der Auswahl und Art der behandelten Gegenstände bis hin zur Art der Auswertung. Die ersten Untersuchungen der Biographieanalyse beispielweise gingen um das biographische Schicksal von Psychiatriepatienten, um den Prozess von Adoptionen, um Karrieren von Gymnasiasten, um Berufsverläufe von Ingenieuren usw. Hinzu kommt, dass heute 80 bis 90 Prozent der Forschung Qualifikationsarbeiten sind, also vor allem originell sein müssen. All das führt dazu, dass es kaum einen Forschungszweig gibt, an dem mehrere Gruppen gemeinsam arbeiten und aufeinander Bezug nehmen. Eine Zusammenschau und Verfügbarkeit bereits vorhandener Datenbestände könnte also mehr Systematik in die qualitative Forschung bringen, möglicherweise könnte man sogar ihre Erkenntnisfortschritte besser aufzeigen. Meiner Ansicht geht es in der qualitativen Bildungsforschung jetzt darum zu zeigen, wo ihr systematischer produktiver Gewinn liegt.

Haben Sie Ideen, wie sich das ändern ließe?

Man bräuchte Kristallisationspunkte! Es wäre interessant, ernsthaft über Kernthemen der Erziehungswissenschaft nachzudenken und sich zum Beispiel für Karrieren von Gymnasiasten und Studenten (wie Marotzki, Kokemohr und Koller vorschlugen) zu entscheiden. Oder man beschließt Lehrer zum Kerngegenstand zu machen und versucht möglichst viele Interviews und Materialien zu erzeugen, um dann in einer Zusammenschau auf neue Ideen zu kommen. Was man davon hat, wenn auch die qualitative Forschung mit der Archivierung beginnt, führt für mich zu zentralen Fragen: Worin besteht die Überlegenheit der Sekundäranalyse gegenüber der Primärforschung? Lassen sich Dinge verbinden, anders sehen als vorher?

Was erwarten Sie von dem heutigen Workshop?

Eine generelle Strategie im Umgang mit der Sekundärforschung werden wir wohl nicht finden. Ich denke, wir werden ein sehr heterogenes Bild von der Landschaft qualitativer Forschung zeichnen und uns überlegen, wie wir offensiv damit umgehen können. In der Community kann man in Bezug auf die grundsätzliche Machbarkeit von qualitativer Sekundärforschung eine eher abwartende Haltung erkennen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass quantitativ und qualitativ Forschende mehr wechselseitiges Verständnis für ihre Positionen aufbringen. Denn die Praxis der qualitativen Forschung hat ja Traditionen der Sekundärnutzung: in Forschungswerkstätten, mit veröffentlichten narrativen Interviews oder Unterrichtstranskripten. Kolleginnen und Kollegen, die die Datennachnutzung von quantitativer Seite vorantreiben, müssen sehen, dass in der qualitativen Forschung andere Regeln herrschen. Unsere Zurückhaltung ist keine Ignoranz, sondern einfach der Sache geschuldet!

Herzlichen Dank, für das Gespräch Herr Prof. Kreitz!


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


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