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13Dez/17

„Die Verfügbarkeit bereits vorhandener Datenbestände könnte mehr Systematik in die qualitative Forschung bringen“

Quelle: bildungsserver Blog Autor: Schumann

Zur Nachnutzung von Daten der qualitativen Bildungs- und Biographieforschung

Open Data in der Bildungsforschung (4)

Prof. Dr. Kreitz, TU Chemnitz und Sprecher der DGfE-Kommission Qualitiative Bildungs- und Biographieforschung

INTERVIEW Dr. Robert Kreitz ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Methoden der Bildungsforschung an der TU Chemnitz und Sprecher der Kommission Qualitative Bildungs- und Biographieforschung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE). Am Rande des gemeinsam von DIPF, Verbund Forschungsdaten Bildung und DGfE ausgerichteten Workshops „Machbarkeit qualitativer Sekundärforschung“ Anfang November in Frankfurt/Main sprachen wir mit ihm über die Position der DGfE und über die Besonderheiten – und Chancen – der Archivierung von qualitativen Daten der Bildungsforschung.

 

Herr Prof. Kreitz, wie steht die DGfE zur Nachnutzung von Daten der qualitativen Bildungsforschung?

Die DGfE teilt grundsätzlich die Bestrebungen der großen Wissenschaftsorganisationen zur Archivierung, Bereitstellung und Nachnutzung von Forschungsdaten und hat deshalb im September dieses Jahres eine Stellungnahme zur Nachnutzung qualitativer Forschungsdaten in der Erziehungswissenschaft veröffentlicht. Allerdings gibt es in den einzelnen Communities auch Vorbehalte.

Wie kann man diesen Befürchtungen entgegentreten?

Die Idee, Datenbestände sekundäranalytisch auszuwerten stammt ja aus der, quantitativen Sozialforschung. Quasi als Gegenbewegung zu diesem Mainstream ist in den 70er und 80er Jahren die qualitative Forschung entstanden. Sie präferiert offene Forschungsverfahren und die Forschungsprozesse sind nicht so stark formalisiert. Der mit Archivierung und Bereitstellung von Datenbeständen einhergehende Bürokratisierungsschub  bricht sich an dieser Tradition. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen sich nun bewusst damit auseinandersetzen, was sie nach der Bearbeitung mit ihren Daten machen sollen: Was wäre ein sicherer Ort für eine Archivierung? Welches System könnte man verwenden? Und: Wer soll die Daten verwalten? Solche Fragen tragen aber zu notwendigen Klärungsprozessen bei.

„Die Aufbereitung und Nachnutzung von Datenbeständen würde der qualitativen Forschung gut tun.“

Sehr reizvoll finde ich auch, dass über die heutigen Archivierungsmöglichkeiten Datenmaterial öffentlich zugänglich gemacht werden kann, ohne die Publikation mit der Präsentation des Datenmaterials zu belasten – wie in der Anfangsphase der qualitativen Forschung, als das Material zum Teil noch in den Publikationen dokumentiert wurde.

Eignen sich qualitative Daten denn überhaupt für eine Nachnutzung?

Wir haben es in der qualitativen Forschung mit sehr unterschiedlichen Datentypen zu tun: Es gibt Interviewtexte und Aufnahmen von Realsituationen, Videos oder Bilddateien. Qualitative Daten zeichnen sich aufgrund der Offenheit der Erhebungssituation dadurch aus, dass sie eine Vielzahl komplexer Informationen liefern, die im Rahmen einzelner Forschungsprojekte gar nicht ausgewertet werden können. Aufgrund der Produktivität der Erhebungsverfahren sind die Daten multipel verwendbar.

Haben Sie ein Beispiel für uns?

Letztes Jahr habe ich in einer älteren Studie aus den 80er Jahren zwei biographische Interviews gelesen. Interessant waren Tonfall und auch Stimmung des Interviews, in der sich ein autoritär-paternalistisches Familienmodell ausdrückte. Wenn man heute Interviews mit den gleichen sozialen Gruppen wie in diesen alten Studien machen würde, bekäme man sehr interessante Daten zum sozialen Wandel! In der quantitativen Forschung hätte man große Mühe, nach 30 Jahren die gleichen Fragen noch einmal zu stellen, weil der Kontext dafür gar nicht mehr existiert. Ein methodisches Problem also, das man in der qualitativen Forschung so nicht hat, weil der Kontext, in dem die Daten zu interpretieren sind, mitgeliefert wird.

Was müsste passieren, damit die Archivierung und Nachnutzung von qualitativen Forschungsdaten von allen Beteiligten akzeptiert wird?

Auf jeden Fall müssten Primärforschende und Fachleute, die mit im Umfeld von Archivierung und Nachnutzung entstehenden Fragen Erfahrung haben, zusammenkommen. Auch der Kontakt zu den Drittmittelgebern muss gesucht werden; dort herrschen vielleicht noch ein paar Illusionen darüber vor, welche unerwünschten Rückeffekte ein zu starkes Insistieren auf eine flächendeckende Archivierung qualitativer Materialen hätte. Wenn beispielsweise zu Beginn narrativer Interviews darauf hingewiesen werden müsste, dass das Interview ins Archiv kommt und unter Umständen noch anderen Forschenden zur Verfügung gestellt wird, würde es höchstwahrscheinlich gar nicht mehr stattfinden.

„Eine bessere Kommunikation zwischen Primärforschenden, Forschungsdokumentaren und Drittmittelgebern wäre sinnvoll.“

Auch die guten Empfehlungen des RatSWD und der Verbund Forschungsdaten Bildung sind vielen qualitativ Forschenden an Universitäten und Instituten kaum oder gar nicht bekannt. Und in der Hochschullehre ist es kaum üblich, Studierende systematisch auf die Möglichkeit der Nachnutzung von Daten hinzuweisen. Man fängt frühestens bei der Promotion an, sich Gedanken darüber zu machen, mit welchen Daten man forschen möchte. Es gibt also auf verschiedenen Ebenen noch einiges zu tun!

Würde die Verfügbarkeit von Forschungsdaten die qualitative Forschung eigentlich verändern?

In der Biographieforschung herrschte – und herrscht bis heute – eine sehr starke Heterogenität vor,  von der Auswahl und Art der behandelten Gegenstände bis hin zur Art der Auswertung. Die ersten Untersuchungen der Biographieanalyse beispielweise gingen um das biographische Schicksal von Psychiatriepatienten, um den Prozess von Adoptionen, um Karrieren von Gymnasiasten, um Berufsverläufe von Ingenieuren usw. Hinzu kommt, dass heute 80 bis 90 Prozent der Forschung Qualifikationsarbeiten sind, also vor allem originell sein müssen. All das führt dazu, dass es kaum einen Forschungszweig gibt, an dem mehrere Gruppen gemeinsam arbeiten und aufeinander Bezug nehmen. Eine Zusammenschau und Verfügbarkeit bereits vorhandener Datenbestände könnte also mehr Systematik in die qualitative Forschung bringen, möglicherweise könnte man sogar ihre Erkenntnisfortschritte besser aufzeigen. Meiner Ansicht geht es in der qualitativen Bildungsforschung jetzt darum zu zeigen, wo ihr systematischer produktiver Gewinn liegt.

Haben Sie Ideen, wie sich das ändern ließe?

Man bräuchte Kristallisationspunkte! Es wäre interessant, ernsthaft über Kernthemen der Erziehungswissenschaft nachzudenken und sich zum Beispiel für Karrieren von Gymnasiasten und Studenten (wie Marotzki, Kokemohr und Koller vorschlugen) zu entscheiden. Oder man beschließt Lehrer zum Kerngegenstand zu machen und versucht möglichst viele Interviews und Materialien zu erzeugen, um dann in einer Zusammenschau auf neue Ideen zu kommen. Was man davon hat, wenn auch die qualitative Forschung mit der Archivierung beginnt, führt für mich zu zentralen Fragen: Worin besteht die Überlegenheit der Sekundäranalyse gegenüber der Primärforschung? Lassen sich Dinge verbinden, anders sehen als vorher?

Was erwarten Sie von dem heutigen Workshop?

Eine generelle Strategie im Umgang mit der Sekundärforschung werden wir wohl nicht finden. Ich denke, wir werden ein sehr heterogenes Bild von der Landschaft qualitativer Forschung zeichnen und uns überlegen, wie wir offensiv damit umgehen können. In der Community kann man in Bezug auf die grundsätzliche Machbarkeit von qualitativer Sekundärforschung eine eher abwartende Haltung erkennen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass quantitativ und qualitativ Forschende mehr wechselseitiges Verständnis für ihre Positionen aufbringen. Denn die Praxis der qualitativen Forschung hat ja Traditionen der Sekundärnutzung: in Forschungswerkstätten, mit veröffentlichten narrativen Interviews oder Unterrichtstranskripten. Kolleginnen und Kollegen, die die Datennachnutzung von quantitativer Seite vorantreiben, müssen sehen, dass in der qualitativen Forschung andere Regeln herrschen. Unsere Zurückhaltung ist keine Ignoranz, sondern einfach der Sache geschuldet!

Herzlichen Dank, für das Gespräch Herr Prof. Kreitz!


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


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21Nov/17

„Heute sind viel mehr Forscher für das Thema Forschungsdaten sensibilisiert“

Quelle: bildungsserver Blog Autor: Schumann

Forschungdatenzentren stellen sich vor (2):
Das GESIS-Datenarchiv für Sozialwissenschaften

Das GESISLeibniz-Institut für Sozialwissenschaften ist mit über 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Mannheim und Köln die größte deutsche Infrastruktureinrichtung für die Sozialwissenschaften. Das Datenarchiv für Sozialwissenschaften, heute eine Abteilung von GESIS, wurde 1960 unter dem Namen „Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung“ gegründet und ist mit seinen ca. 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine zentrale Infrastruktureinrichtung zur Registrierung, Aufbereitung, Dokumentation und Archivierung von quantitativen Forschungsdaten. Diese ermöglichen nationale, internationale und historische Analysen gesellschaftlicher Entwicklungen. Das Datenarchiv der GESIS ist eines der ältesten und größten für die empirische Sozialforschung weltweit.

Reiner Mauer, Stellvertr. Leiter der GESIS-Abteilung Datenarchiv für Sozialwissenschaften

 

INTERVIEW mit Reiner Mauer, Stellvertretender Leiter der GESIS-Abteilung Datenarchiv für Sozialwissenschaften

 

 

 

 

 

 

Herr Mauer, was genau macht das GESIS-Datenarchiv für Sozialwissenschaften?

Im Grunde haben wir drei Aufgaben: Wir unterstützen einzelne Forschende, große und kleine Projekte, aber auch Institutionen beim Management von Forschungsdaten und bieten eine Vielzahl entsprechender Services in den Bereichen Data Sharing und Archivierung. Wir unterstützen Forschende bei der Sekundäranalyse, indem wir Daten zugänglich, durchsuchbar und erfahrbar machen, und helfen geeignete Forschungsdaten zu finden; und wir bieten an die Bedarfe der Forschenden angepasste Informations-, Beratungs- und Schulungsangebote an. Zu den Themen Forschungsdatenmanagement und Langzeitarchivierung halten wir zum Beispiel regelmäßig mehrtägige Workshops ab, kürzere Workshops und Vorträge auch direkt vor Ort an Universitäten oder auf Konferenzen und Summer Schools. Wir betreiben also ein recht großes Investment in die Community, damit die produzierten Daten eine größere Wirkung entfalten können. Unser Hauptziel ist, dass vorhandene Forschungsdaten optimal genutzt werden und nicht irgendwo in Schubladen verschimmeln.

Sie sind also viel im Bereich Wissenstransfer unterwegs?

Ja, das ist auch unser Part im Rahmen des Verbunds Forschungsdaten Bildung. Neben Schulungen und Trainings zum Datenmanagement bieten wir neuerdings auch Webinare an; das erste findet übrigens im Dezember statt zum Thema „Daten teilen – Wo fange ich an? Forschungsdatenmanagement in der empirischen Bildungsforschung“. Und weil wir selbst nicht die ganze Szene bedienen können, wollen wir noch ein Train-the-Trainer-Modul für Datenmanagement entwickeln und ausbauen.

Wie groß ist denn der Bestand des GESIS-Datenarchivs? Und wie setzt er sich zusammen?

Wir haben ungefähr 6.000 Studien in unserem Archiv. Allein im letzten Jahr haben wir 63.000 Datensätze an Nutzende weltweit ausgeliefert! Und dass 60% unserer Nutzenden nicht aus Deutschland kommen, hat was mit der Struktur des Bestands zu tun: Wir haben einen Schwerpunkt in der interkulturell-vergleichenden Sozialforschung und sind bei großen internationalen Surveys für die zentrale Archivierungsinfrastruktur zuständig.

Sind die Datenbestände im GESIS-Datenarchiv auch für Bildungsforscher/innen interessant?

Unsere Angebote richten sich primär an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit Methoden der empirischen Sozialforschung arbeiten. Unsere Nutzerinnen und Nutzer kommen hauptsächlich aus der Soziologie, der Politikwissenschaft und zu einem geringeren Anteil auch aus verwandten Gebieten wie etwa den Wirtschaftswissenschaften. Aber auch die relativ gesehen eher kleine Nutzergruppe der Erziehungswissenschaftler wird bei uns fündig, denn wir haben einen gar nicht so kleinen Bestand an Daten, die auch für die Bildungsforschung interessant sind. Genau lässt sich das nicht quantifizieren. Die Multidisziplinarität der Bildungsforschung und die Vielfalt der untersuchten Fragestellungen spiegeln sich natürlich auch in unserem Datenbestand wieder. Wir haben sicher einige hundert Studien im Bestand, die auch für diese Disziplin relevant sein könnten. Neben Studien, die man zweifelsfrei der Bildungsforschung zuordnen kann, wie etwa der Monitor Digitale Bildung, der sich mit dem Einsatz von digitalen Lernformen und Lernkonzepten in der Schule befasst, haben wir viele Studien, die man nicht so ohne weiteres direkt der Bildungsforschung zuordnen würde, die aber sicher für den ein oder anderen Bildungsforschenden von großem Interesse sind. Dazu würde ich beispielsweise TwinLife zählen. Das ist eine auf zwölf Jahre angelegte repräsentative verhaltensgenetische Studie zur Entwicklung von sozialen Ungleichheiten. Darüber hinaus gibt es viele weitere Studien, wie etwa die Eurobarometer der Europäischen Kommission, die thematisch so breit aufgestellt sind, dass auch dieser Bestand für einzelne Fragestellungen relevante Informationen bereithält.

„Die PIAAC-Studie der OECD ist unsere wichtigste und größte Studie im Bildungsbereich.“

Die GESIS war bei PIAAC in Person von Prof. Dr. Beatrice Rammstedt und ihrem Team zentral an der Datenerhebung und der anschließenden Aufbereitung und Dokumentation der Daten beteiligt. Und weil die an Design und Erhebung beteiligte Gruppe einen sehr guten Service für Nachnutzende bieten kann, werden die Daten in einem eigens bei uns eingerichteten FDZ PIAAC vorgehalten.

Und wie sieht es mit der Nutzung der Datenbestände aus?

Auf 15% unseres Bestandes konzentriert sich 90% der Nutzung. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass die anderen Daten nicht genutzt würden. Für 2016 kann ich sagen, dass pro Jahr die Hälfte unseres Bestandes mindestens einmal genutzt wurde.

„Große, internationale Erhebungen haben zigtausende Nachnutzungen pro Jahr.“

Es gibt also viele Studien, die wenig genutzt werden, das heißt aber nicht, dass sie nicht relevant sind – eine klassische Falle bei rein quantitativ orientierten Indikatoren. Ein bisschen zugespitzt formuliert: Wenn eine Studie nur einmal nachgenutzt wurde, dies aber eine Einsicht brachte, die über eine spätere Publikation zum Nobelpreis führte, dann hat sich das Investment in die Archivierung mehr als gelohnt.

Gibt es Eigenschaften, die darauf hinweisen, ob eine Studie später viel nachgenutzt wird?

Viele große Studien sind von vornherein auf mögliche Sekundäranalysen so konzipiert, dass möglichst viele Fragestellungen bearbeitet werden können. Und für eher forschergetriebene Erhebungen gilt: Nicht zu enge oder zu spezialisierte Forschungsfragen und Offenheit im Zugang. Je höher die Zugangsbeschränkungen der Datensätze sind, desto weniger Nutzer finden sich dafür. Dann noch das Studiendesign an sich, methodische Fragen und die Themenstellung. Aber am Ende ist es nicht wirklich vorhersehbar. Wir haben Studien, die liegen zehn Jahre im Archiv, und auf einmal werden sie nachgefragt.

Und wie werden sie der Datenmengen Herr?

Auch eine große Infrastruktureinrichtung wie GESIS kann nicht alle Daten, die in der Sozialwissenschaft Deutschlands produziert werden, gleichermaßen hochwertig aufbereiten und dokumentieren. Um mit unseren Ressourcen das höhere Aufkommen zu verarbeiten, haben wir für die Bestände unterschiedliche Qualitäts- und Servicestufen definiert: Das fängt an bei niedrigschwelligen Angeboten, bei denen Forschende selbständig ihre Daten in Plattformen eingeben können, und reicht bis zum oben beschriebenen, sehr komplexen Datenmanagementprozess.

Die GESIS ist ja auch sehr stark international engagiert.

Ja, wir sind beispielsweise schon seit den 70er Jahren Teil des Consortiums of European Social Science Data Archives (CESSDA), das sich vor kurzem zu einem sogenannten European Research Infrastructure Consortium (ERIC) weiterentwickelt hat. Hier arbeiten wir mit 15 Datenanbietern aus ganz Europa am Aufbau einer gemeinsamen Infrastruktur. In diesem Kontext spielt auch der Verbund Forschungsdaten Bildung für uns eine große Rolle, da wir dort ebenfalls ganz konkret und operativ mit anderen Datenzentren zusammenarbeiten – und da lernen wir sehr viel, denn die Prozesse auf nationaler Ebene unterscheiden sich in dieser Hinsicht nicht allzu sehr von denen auf europäischer Ebene.

„Das Föderieren von Infrastrukturen ist für uns enorm lehrreich und strategisch bedeutsam.“

Wir können gemeinsam entwickelte Angebote und Standards mitsamt den dahinterliegenden Arbeitsabläufen und rechtlichen Rahmenbedingungen auf einer sehr praktischen, sehr konkreten Ebene ganz nah am Nutzer erproben und ausbauen.

Welche Entwicklungen werden aus Ihrer Sicht in den nächsten Jahren noch wichtig werden?

In den letzten Jahren zeigt sich in den Sozialwissenschaften ein zunehmendes Interesse an digitalen Verhaltensdaten, vor allem um sie mit den bestehenden Daten zu verbinden. Auch wir haben damit begonnen, erste Datenbestände aufzubauen und zu lernen, wie man damit umgeht.

„Digitale Verhaltensdaten, wie sie etwa durch die Nutzung von Facebook, Twitter oder Smartphones entstehen, werden immer wichtiger.“

Überhaupt spielt das Thema Datenverlinkung – zum Beispiel mit raumbezogenen Daten – für uns eine große Rolle. Stichwort „Geofachdaten“: In einem Pilotprojekt hat GESIS zum Beispiel Daten zur subjektiven Lärmbelästigung punktgenaue objektive Daten der Lärmbelastung gegenübergestellt. Die Möglichkeit für solche raumbezogenen Analysen muss infrastrukturell vorbereitet werden. Klar ist jedenfalls, dass die Datenproduktion weiter zunehmen wird, denn es gibt immer mehr Daten und vor allem neue Formen von Daten, die für Wissenschaftler relevant sind.

Herzlichen Dank für das Gespräch, lieber Herr Mauer!


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


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07Nov/17

„PISA, IGLU, TIMMS und IQB-Bildungstrends sind natürlich unsere Kassenschlager“

Quelle: bildungsserver Blog Autor: Schumann

Forschungsdatenzentren für die Bildung stellen sich vor (1):
Das Forschungsdatenzentrum am Institut für Qualitätsentwicklung

Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) ist eine wissenschaftliche Einrichtung der Länder und als An-Institut an der Humboldt-Universität zu Berlin angesiedelt. Das Forschungsdatenzentrum am IQB archiviert die Datensätze nationaler und internationaler Bildungsstudien, die schulische Kompetenzen messen und untersuchen, und stellt sie für Sekundäranalysen zur Verfügung.

Dr. Malte Jansen, wissenschaftlicher Leiter des Forschungsdatenzentrums am IQB.

Dr. Malte Jansen, wissenschaftlicher Leiter des Forschungsdatenzentrums am IQB.

 

INTERVIEW mit Dr. Malte Jansen, wissenschaftlicher Leiter des Forschungsdatenzentrums (FDZ) am IQB. Wir sprechen mit ihm über die Aufgaben und Datenbestände des FDZ am IQB, über ihre Nutzung und die Frage, wie man den wissenschaftlichen Nachwuchs für Sekundäranalysen gewinnen kann.

 

 

 

 

Herr Jansen, was genau sind die Aufgaben des FDZ am IQB?

Unsere Kernaufgabe ist es, Daten aus großen Schulleistungsstudien für Re- und Sekundäranalysen bereitzustellen. Dazu gehören das Einwerben von Datensätzen, die Datenaufbereitung und das Bearbeiten von Datennutzungsanträgen. Gegründet wurde das FDZ ursprünglich mit dem Ziel, Daten von repräsentativen Studien des nationalen Bildungsmonitorings zur Verfügung zu stellen – also Studien wie PISA, IGLU, TIMMS oder die IQB-Bildungstrends.

Verteilte Aufgaben im Verbund Forschungsdaten Bildung: Kompetenzdaten am IQB

Mittlerweile haben wir unser Spektrum um weitere Studien erweitert, wobei unser Kriterium ist, dass die Studien Kompetenzdaten enthalten – also nicht nur Surveys oder Fragebogendaten, sondern auch Leistungstests von Schülerinnen und Schülern. Seit Anfang dieses Jahres haben wir noch eine zweite Kernaufgabe: die Nachwuchsförderung. Wir wollen beim wissenschaftlichen Nachwuchs das Interesse dafür wecken, mit bereits bestehenden Datenbeständen zu arbeiten, indem wir entsprechende Informations- und Weiterbildungsangebote bereitstellen.

Und wie motivieren Sie die NachwuchswissenschaftlerInnen dazu?

Wir bieten schon länger im Frühjahr und Herbst viertägige Akademien für Methoden und Statistik an und haben dazu auch immer schon bestehende Datenbestände genutzt. Dazu kamen immer mal wieder Workshops zu einzelnen Studien wie z.B. StEG oder IGLU. Und das bauen wir jetzt in unseren FDZ-Akademien aus und planen künftig auch zusätzliche Module zu Sekundärdatenanalysen anzubieten – etwa zum Datenmanagement, für die universitäre Lehre oder für Graduiertenschulen. Auch möchten wir zukünftig einen einfacheren Datenzugang für Lehrzwecke durch speziell aufbereitete Datensätze mit höherem Anonymisierungsgrad (sogenannte Campus-Files) anbieten. Unser Ziel ist es, Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern und auch Studierenden zu zeigen, wie man mit den Beständen großer Bildungsstudien umgehen kann und wie sie auch in ihren Qualifikationsarbeiten Sekundärdaten nutzen können. Dazu gehört natürlich auch eine gründliche Beratung.

Wie ist denn das Interesse an den IQB-Forschungsdaten?

Ich finde, dass es ziemlich gut angenommen wird. Und obwohl wir ja eher ein kleines Forschungsdatenzentrum sind, haben wir relativ gut zu tun: Im Schnitt bearbeiten wir ca. 40 Nutzungsanträge im Jahr, die zum Teil auch mehrere Teilprojekte umfassen können. Letztes Jahr hatten wir einen Rekord von 57 Anträgen! Das hängt aber auch mit den Zyklen der großen Studien zusammen: Immer wenn eine neue Studie herauskommt bzw. ein neuer Datensatz veröffentlicht wird, haben wir einen regelrechten Ansturm zu verzeichnen. Wenn im Frühjahr 2018 die neuen Daten aus PISA, TIMSS und IQB-Bildungstrends kommen, werden die Anfragen nach dem saisonalen Einbruch im Frühjahr 2017 wieder ansteigen. Insgesamt sind die Zahlen in den letzten Jahren in allen unseren Nutzungsgruppen tendenziell gestiegen – bei Studierenden, Doktoranden, Postdoktoranden und Professor(inn)en.

Gibt es außer der Bildungsforschung auch andere Disziplinen, die sich für die Datenbestände interessieren?

Unsere Anträge verteilen sich interessanterweise zu ähnlich großen Anteilen auf Bildungsforschung / Erziehungswissenschaft, Psychologie, Ökonomie, Soziologie und – zu einem etwas geringeren Anteil – auf Politikwissenschaft. Die Psychologen interessieren sich zum Beispiel dafür, wie ein gewisser motivationaler Aspekt mit der Leistung zusammenhängt oder mit dem Erwerb der Lesekompetenz oder ob es Geschlechtsunterschiede bei gewissen motivationalen Faktoren gibt. Für Ökonomen oder Soziologen sind Veränderungen auf Schulsystemebene wichtig: Haben Schulstrukturreformen im PISA-Trend dazu geführt, dass bestimmte Kompetenzentwicklungen positiv oder negativ waren?

Die Daten scheinen recht vielfältig zu sein!

Ja, man kann mit ihnen eigentlich fast alles machen (lacht). Bei den großen Kompetenzstudien sind die Datenerhebungen schon so breit angelegt, dass Sekundäranalysen ohne weiteres möglich bzw. sogar explizit gewünscht sind. So gibt es zum Beispiel zusätzlich zu den Kompetenztests auch immer Schülerfragebogen, die viel mehr als nur die basalen soziodemographischen Informationen abfragen: Sie enthalten, je nach Studie, etwa die am häufigsten genutzten motivationalen Konstrukte wie Interesse, Selbstkonzept oder Selbstwirksamkeit, Schülerangaben zum Unterricht oder zur familiären Situation und vieles mehr. Oft sind auch noch Lehrer- oder Schulleiterfragebogen dabei. Man kann mit den Datenbeständen wirklich ganz viel machen!

Und werden alle Datenbestände gleich viel genutzt?

Es gibt tatsächlich wenige Studien, die sehr viel genutzt werden und viele andere wenig. Die Bildungsmonitoring-Studien, die repräsentative Stichproben und ein breites Feld an Variablen haben – also IQB-Bildungstrends, IGLU, TIMMS und PISA – sind natürlich unsere Kassenschlager. Insbesondere die PISA-Daten sind bei unseren Anträgen sehr beliebt. Manchmal denke ich, dass eine Fragestellung ebenso gut oder noch besser mit den Daten der IQB-Ländervergleichsstudie oder anderen Studien bearbeitet werden könnte. Aber PISA ist einfach am bekanntesten! Auch die Ökonomen greifen gerne darauf zu. Zunehmender Beliebtheit erfreuen sich auch die Studien aus großen Drittmittelprojekten, zum Beispiel die StEG-Studie vom DIPF oder die BIKS-Studie aus Bamberg. Beides sind große Längsschnittstudien mit etlichen Erhebungswellen und großen Stichproben, über die vieles erfasst wurde. Dagegen werden kleinere, spezifischer angelegte Studien, in denen etwa die Wirksamkeit bestimmter Interventionen überprüft wurde, selten genutzt, weil solche Daten einfach nur für bestimmte Fragestellungen interessant sind. Aber wir beraten Antragsteller gerne, welche Daten aus welchen Studien für ihre Fragestellung am besten geeignet sind.

Welche interessanten Entwicklungen im Hinblick auf Forschungsdaten beobachten Sie aktuell?

Zurzeit ist sehr viel in Bewegung in der Bildungsforschung, national wie international. In Deutschland erarbeitet die Gesellschaft für empirische Bildungsforschung (GEBF) gerade in einer – übrigens vom IQB koordinierten – AG ein Papier zum Umgang mit Forschungsdaten und die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) hat entsprechende Leitlinien dazu verfasst. Die Bereitschaft und das Klima darüber nachzudenken hat sich geändert. Auch in großen, bereits laufenden Studien wird bereits mitgedacht, wie die Daten gemanagt und nachnutzbar gemacht werden können, und es scheint immer mehr zur Selbstverständlichkeit zu werden, dass solche Datenschätze der Scientific Community zur Verfügung gestellt werden – natürlich mit angemessenen Vereinbarungen, um die Interessen der Datengeber, etwa für Qualifikationsarbeiten, zu wahren.

Es gehört zur guten wissenschaftlichen Praxis, dass Bestände zur Nachprüfbarkeit von Forschungsergebnissen aufbewahrt werden.

Ich denke, dass es in den nächsten Jahren normal werden wird, Forschungsdaten zur Nachnutzung aufzubereiten und sekundäranalytisch zu nutzen – beim BMBF steht es bereits in den Förderrichtlinien drin und auch die DFG hat Leitlinien dazu. Vielleicht wird es auch dazu führen, dass weniger neue Daten erhoben werden… Kolleginnen und Kollegen erzählen mir, dass die Schulen in Berlin, aber auch anderswo, ganz schön ächzen unter den vielen Studien. So gesehen wäre es ziemlich sinnvoll erst mal bestehende Datenbestände zu analysieren, anstatt standardmäßig über neue Erhebungen nachzudenken. Auch wenn die Geldgeber ein Projekt bislang noch eher förderten, wenn man selbst Daten erhebt und nicht vorhandene Datenbestände nachnutzt, scheint jetzt ein Umdenken stattzufinden. In der neuen BMBF-Förderbekanntmachung zur Digitalisierung muss nun z.B. explizit begründet werden, warum neue Daten erhoben werden müssen und nicht auf vorhandene Datensätze zurückgegriffen werden kann. Eine Entwicklung, die wir sehr begrüßen und die sicher auch im Sinne der Schulen ist.

Vielen Dank für das Gespräch, lieber Herr Jansen!


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


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12Sep/17

Neuer Auftritt des Deutschen Bildungsservers

Quelle: bildungsserver Blog Autor: Schumann

Pressemitteilung vom 12. September 2017

Der DBS hat ein neues Design! (Ansicht der Startseite)

Der Deutsche Bildungsserver wurde im Zuge eines Relaunches komplett überarbeitet. Das Portal bereitet bildungsbezogene Internet-Inhalte jetzt noch übersichtlicher und nutzerfreundlicher auf. Außerdem wurde die Darstellung des Angebots für alle Endgeräte optimiert – unter besonderer Berücksichtigung des Smartphones. Der Server wendet sich weiterhin an alle Bildungsinteressierten, an deren Bedürfnissen sich das neue Design bestmöglich orientieren soll. Daher ist der aktualisierte Auftritt nun zunächst in einer Beta-Version online gegangen: Feedback und Anregungen sind ausdrücklich erwünscht.

Zahlreiche Fotos und Icons, erläuternde Texte zu den Neuigkeiten und Themen aus den Bildungsbereichen, eine aufgeräumte Gestaltung: Einige Anpassungen am Deutschen Bildungsserver sind schnell zu sehen. Doch der Relaunch des Wegweisers zu Bildungsinformationen im Internet bringt weitere Neuerungen mit sich, die sich erst bemerkbar machen, wenn man das Angebot nutzt – was nun einfacher und flexibler möglich ist. Unter besonderer Berücksichtigung des Smartphones wurde die Darstellung der Inhalte für alle Endgeräte optimiert und barrierefrei gestaltet. Die gesamte Navigation zu den Bildungsthemen und den weiteren zentralen Menüpunkten ist immer mit einem Klick verfügbar. „Auf dem zeitgemäßen Auftritt sollen alle Bildungsinteressierten komfortabel und zielführend recherchieren können. Wir bereiten die Inhalte weiterhin fachlich fundiert, zugleich aber auch übersichtlicher und nutzerfreundlicher auf“, so Axel Kühnlenz, Leiter der Koordinierungsstelle des Bildungsservers. Der Relaunch soll sich bestmöglich am Nutzerbedarf orientieren. Aus diesem Grund ist der neue Auftritt nun zunächst in einer Beta-Version online gegangen, um Verbesserungsvorschläge sammeln zu können.

Bei allen Anpassungen bleibt die Kernfunktion des Deutschen Bildungsservers, der als Gemeinschaftsservice von Bund und Ländern vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) koordiniert wird, gleich: Er sammelt und verlinkt  bildungsbezogene Internet-Ressourcen von Bund und Ländern, der Europäischen Union, von Hochschulen und Schulen sowie von Forschungs-, Service- und Fachinformationseinrichtungen. Die Informationen werden sorgfältig und aktuell aufbereitet und in redaktionellen Beiträgen und in Datenbanken kostenfrei zur Verfügung gestellt. Die Inhalte sind nach Bildungsthemen gegliedert: Bildungswesen allgemein, Elementarbildung, Schule, Berufliche Bildung, Hochschule, Erwachsenenbildung, Förderpädagogik/Inklusion und Sozialpädagogik. Zusätzlich wurde das bislang eigenständige Portal „Bildung weltweit“ als Thema integriert. Es informiert über internationale Entwicklungen. Das Themengebiet Bildungsforschung wird vom Partner-Angebot Fachportal Pädagogik abgedeckt (dessen Relaunch ebenfalls fast abgeschlossen ist). Die Bildungsthemen verfügen jetzt über eigene Einstiegsseiten. Sie sind vergleichbar aufgebaut, bieten aber darüber hinaus Raum für individuelle Schwerpunkte und aktuelle Hinweise. Klare Strukturierung und Aufklapp-Menüs ermöglichen ein schnelles Navigieren.

Das Team des Bildungsservers legt großen Wert auf einen direkten Austausch mit den Nutzerinnen und Nutzern. Die können sich zum Beispiel über die Funktion „Link vorschlagen“ in die Gestaltung des Portals einbringen. Feeds, Blog, Newsletter, Facebook und Twitter bieten weitere Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten. Anregungen zum neuen Design sind auf allen Wegen willkommen.

Kontakt

Deutscher Bildungsserver: Axel Kühnlenz, DIPF, +49 (0)69 24708-320, kuehnlenz@dipf.de
Presse: Philip Stirm, DIPF, +49 (0)69 24708-123, stirm@dipf.de, www.dipf.de

Über das DIPF: Das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) trägt mit empirischer Bildungsforschung, digitaler Infrastruktur und gezieltem Wissenstransfer dazu bei, Herausforderungen im Bildungswesen zu bewältigen. Das von dem Leibniz-Institut erarbeitete und dokumentierte Wissen über Bildung unterstützt Wissenschaft, Politik und Praxis im Bildungsbereich – zum Nutzen der Gesellschaft.

20Jul/17

„Fachinformation offen, digital, vernetzt“ – Fachtagung am 28. Juni 2017

Quelle: bildungsserver Blog Autor: Schumann

Die Präsentationen zu den Vorträgen bei der Jubiläumstagung 25 Jahre FIS Bildung

19Jul/17

„Wir sind das Schaufenster für die OER-Aktivitäten in Deutschland“

Quelle: bildungsserver Blog Autor: Schumann

Open Educational Resources (2)

Ingo Blees und Luca Mollenhauer von der Informationsstelle OER

INTERVIEW mit Ingo Blees und Luca Mollenhauer, die mit der Informationsstelle OER, kurz: OERinfo, dafür sorgen, dass Open Educational Resources (OER) nachhaltig in der deutschen Bildungslandschaft verankert werden. Gemeinsam mit den sechs Projektpartnern kümmern sie sich um die Vernetzung der vielen verschiedenen Akteure und sorgen dafür, dass der Umgang mit OER in Schule, Berufsbildung, Erwachsenenbildung und Hochschule einfacher und selbstverständlicher wird. OERinfo ist seit November 2016 beim DIPF – genauer gesagt, beim Deutschen Bildungsserver – in Frankfurt am Main angesiedelt.

Ingo, Luca, was genau macht Eure Arbeit in der Informationsstelle OER aus?

Ingo Blees: Wir koordinieren die Arbeitsbereiche der insgesamt sieben Projektpartner von OERinfo – das sind das Bundesinstitut für Berufliche Bildung (BIBB), die Agentur Jöran & Konsorten, der Deutsche Bildungsserver, das Deutsches Institut für Erwachsenenbildung (DIE), das FWU, das Medieninstitut der Länder, das LearningLab am Campus Duisburg-Essen mit dem Verbund E-Learning NRW und die OER World Map des NRW-Hochschulbibliothekszentrums. Zusammen mit den Querschnittsprojekten JOINTLY und den OERCamps 2017 unterstützen wir die Netzwerkbildung der Projekte der BMBF-Förderlinie zu OER. Auch die Berichterstattung vor, während und nach den OERCamps ist Aufgabe der Informationsstelle – sie ist der Medienpartner für die Camps.

Grafik: Struktur der Informationsstelle OER

Struktur der Informationsstelle OER

Luca Mollenhauer: Ich bin bei den Workshops des Verbundprojekts Jointly aktiv dabei und versuche in Arbeitsgruppen die Aktivitäten mitvoranzubringen. Die Aufgabe von Jointly ist es unter anderem, die 24 weiteren Projekte der OER-Förderlinie des BMBF dabei zu unterstützen, die Akteure und Multiplikatoren in den verschiedenen Bildungsbereichen für Open Educational Resources zu sensibilisieren und zu qualifizieren. Das funktioniert über Workshops und über eine gemeinsame Kollaborationsplattform, an der sie gemeinsam an ihren Projekten arbeiten. Unser Part ist es, die Projektfortschritte und Meilensteine zu präsentieren – Videos, neu entwickeltes Material oder auch Veranstaltungen. Während Jointly für den „Maschinenraum“ zuständig ist, übernehmen wir von OERinfo den Part des „Schaufensters“. Und über die große Community, die Jöran & Konsorten mit der vorherigen Transferstelle OER begründet haben, haben wir natürlich eine ziemlich große Reichweite.

Wie ist denn die Resonanz auf Eure Arbeit?

Ingo Blees: Über den Blog kriegen wir einiges aus der Community mit – seien es direkte Kommentare auf Beiträge, Fragen zu Lizenzierungen einzelner Projekte oder auch Nachfragen nach Experten zu bestimmten Themen.

„Interessant und abwechslungsreich sind insbesondere die vielseitigen Anfragen für Tagungen und Konferenzen“

Wir bekommen Referentenanfragen von Hochschulen, zum Beispiel dem Hamburger Campus Innovation, oder von Forschungseinrichtungen wie dem Georg Eckert-Institut, das Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung. Für die Kollegen dort sind Entwicklungen von freien Bildungsmaterialien wie Open Educational Resources, die klassische Schulbücher ergänzen oder gar ersetzen könnten, eine spannende Sache. Bei einem Kolloquium der Nationalen Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung waren Susanne Grimm vom BIBB und Jan Koschorreck vom DIE in ihrer Funktion als Transferpartner von OERinfo zu einer Session eingeladen. Und ganz aktuell hat uns das BMBF jetzt gebeten, den aktuellen Diskurs und die Entwicklungen zu OER in Deutschland auf dem OERWorld-Kongress 2017 im September zu präsentieren. Da geht es zwar weniger um die Arbeit der Informationsstelle, aber das Bildungsministerium greift natürlich auf unsere Expertise zurück.

Zurzeit arbeitet Ihr intensiv am Relaunch der neuen Website von OERinfo?

Luca Mollenhauer: Allerdings! Wir sind kurz davor mit der neuen Website online zu gehen, der Launch wird jetzt im Sommer stattfinden, im Moment ist noch der technische und redaktionelle Feinschliff dran. Die letzten Monate haben wir sehr intensiv am Design und an der Struktur des neuen Auftritts gearbeitet – in ständiger Rückkopplung mit allen Projektpartnern und gestützt auf die langjährige Erfahrung der Redaktion der vormaligen Transferstelle OER.

Logo der Informationsstelle OER

Ingo Blees: Die redaktionelle Arbeit – also die Contentproduktion – liegt bei der Agentur. Die vier Transferpartner aus Schule, Hochschule, Berufsbildung und Weiterbildung konzentrieren sich jeweils auf ihre Bildungsbereiche; sie erarbeiten Dossiers zum aktuellen Stand von OER, recherchieren und dokumentieren Best Practice-Beispiele und verbreiten alles über ihre Kommunikations- und Publikationskanäle in ihre Communities. Wir führen das dann auf der Website von OERinfo zusammen, das bedeutet natürlich entsprechenden Kommunikations- und Koordinationsaufwand.

Könnt ihr schon was über die Struktur verraten?

Luca Mollenhauer: Die einzelnen Bildungsbereiche werden prominenter platziert und auch mehr Raum bekommen. Nach dem Launch werden die Transferpartner ihre Inhalte selbständig einspeisen können – es wird in Teilen ein dezentrales System werden.

Ingo Blees: Der Fokus wird auf der Praxisorientierung liegen. Das Contentbuffet von Jointly wird man direkt ansteuern und durchsuchen können. Wir werden eine erweiterte Materialsammlung haben und erklärte Einsteigerbereiche sowie Vertiefungsbereiche für Spezialisten. Die Bildungsbereiche und Praxiskategorien sind in Form eines Wegweiser-Systems aufgebaut und sollen einen leichten Einstieg und eine gute Orientierung bieten.

Screenshot OER World Map

Die OERde-Karte soll – analog zur OER World Map – mit virtuellen Netzwerkfunktionen, die die OER-Community und –Landschaft in Deutschland abbilden soll.

Luca Mollenhauer: Und dann arbeiten wir auch noch an der OERde-Karte (Anm. d. Red.: gesprochen Örde-Karte). Das ist eine Deutschland-Karte mit virtuellen Netzwerkfunktionen, die die OER-Community und –Landschaft in Deutschland abbilden soll. Erstellt wird sie vom Hochschulbibliothekszentrum NRW, das auch schon die OER World Map entwickelt hat. Auf die Gegebenheiten in Deutschland zugeschnitten, wird sie in die neue Website integriert sein.

Die Koordination und Dokumentation der Arbeiten in der Informationsstelle scheinen Hand in Hand zu gehen?

Ingo Blees: Ja, im Grunde versuchen wir über die Informationsstelle die OER-Aktivitäten zu koordinieren und zu dokumentieren. Wir sehen uns als Katalysatoren der verschiedenen Ansätze und versuchen das Spielfeld für die OER-Akteure genauer zu kartographieren.

„Wir nehmen keine Steuerungsfunktion wahr, wir möchten das Thema nach vorne bringen und andere im Umgang mit OER befähigen.“

Die OERde-Karte ist ein gutes Beispiel dafür, wie Vernetzungen zwischen Akteuren – das können Personen, Institutionen, Projekte oder auch virtuelle Services und Termine sein – herausgearbeitet werden können. Jedes der 24 OER-Projekte hat einen eigenen Eintrag in der Karte mit Projektbeschreibung, der Institution, die es betreibt, den verantwortlichen Personen und den Veranstaltungen; neben den Projekten sind auch Institutionen, Personen und Veranstaltungen als jeweils eigene Instanzen repräsentiert, die zueinander in vielfältigen Beziehungen stehen können. So entsteht ein sich weiter verdichtendes Netzwerk, mit dessen Hilfe man sich durch die gesamte OER-Szene navigieren kann.

Eine Frage zum Schluss: Wo liegt für Euch der Reiz von Open Educational Resources?

 Ingo Blees: OER sind natürlich nur eine kleine Facette des gesamten Openess-Panoramas, zu dem auch Open Access, Open Content oder Open Data gehören. Aber ihre sehr spezifische Ausrichtung ermöglicht es, dass OER relativ schnell und direkt in Bildungszusammenhängen eingesetzt werden können. Bei der derzeitigen Urheberrechtslage kommt man mit ihnen einfach am schnellsten weiter: Man kann rechtssicher Elemente herausnehmen, sie neu zusammenbauen, auf den eigenen Server oder auf den Schulserver stellen, mit Kollegen und anderen Schulen teilen.

„Der Umgang mit OER stärkt digitale Kompetenzen.“

Vor dem Hintergrund der BMBF-Strategie Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft kann zudem festgestellt werden, dass die Arbeit mit OER gut für den Aufbau von digitalem Verständnis und Wissen ist, also die digitalen Kompetenzen von Menschen stärkt, die in Bildung, Ausbildung und Fortbildung aktiv sind.

Luca Mollenhauer: Und um den notwendigen Transfer von Know-how in Bezug auf die richtigen Lizenzierungen kümmern wir uns ja in der Informationsstelle gemeinsam mit allen 24 Projekten der OER-Förderlinie. Und dass das funktioniert zeigen die OERCamps: Mehr als 50% der Teilnehmenden geben an, vorher mit dem Thema OER noch nicht in Berührung gekommen zu sein. Für uns ist das ein Indiz dafür, dass wir dazu beitragen, das Thema bekannter zu machen.


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29Jun/17

„Eine zentralistische Struktur hätte politisch überhaupt nicht umgesetzt werden können.“

Quelle: bildungsserver Blog Autor: Schumann

25 Jahre FIS Bildung Literaturdatenbank (7)

Peter Schermer, ehemals Hessisches Kultusministerium


INTERVIEW
mit Peter Schermer, der in den 90er Jahren im hessischen Kultusministerium maßgeblich die Einrichtung des Fachinformationssystems Bildung vorangetrieben hat. Im Rahmen seiner Arbeit war er in der noch bis 2007 existierenden Bund-Länder-Konmmission sehr aktiv. Unter anderem auch, um den Modellversuch eines Fachinformationssystems für den Bildungsbereich politisch durchzusetzen. Mit Peter Schermer sprachen wir über die bildungspolitische Atmosphäre dieser Zeit, die politischen Hintergründe, die schließlich zum Modellversuch FIS Bildung führten, und darüber, wie das föderale Bildungssystem Deutschlands die Struktur eines Fachinformationssystems prägte.

 

 

Herr Schermer, wie kam es 1992 zur Entscheidung ein Fachinformationssystem Bildung zu schaffen?

Die Informations- und Dokumentationsszene im Bildungswesen war Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre recht lebendig: Hartmut Müller, der ehemalige Leiter der Frankfurter Forschungsbibliothek, hatte in dem von ihm initiierten Dokumentationsring Pädagogik, auch DOPAED genannt, bereits alle wesentlichen Akteure und Institute versammelt. So gesehen gab es bereits eine Struktur, an die wir in Teilen anknüpfen konnten. Mein Verdienst bestand darin, ein Fachinformationssystem Bildung als Modellversuch überhaupt erst zu ermöglichen. Mit dem 25. Geburtstag dieses Jahr werden im Grunde 20 Jahre Regelbetrieb und fünf Jahre Modellversuch (von 1992-1996) gefeiert. Modellversuche waren übrigens ein ganz hervorragendes Instrument, weil man nach einer Auswertungsphase entscheiden konnte, ob ein Projekt weitergeführt wird.

Was war das Besondere an diesem Modellversuch?

Die Einführung von Fachinformationssystemen in allen Wissenschaftsbereichen wurde eigentlich schon in den 70er Jahren auf Bund-Länder-Ebene beschlossen. Die großen Projekte in den Naturwissenschaften haben den Anfang gemacht. Damals konnte man überhaupt nicht ahnen, welche technischen Möglichkeiten sich später daraus ergeben würden. Mit dem Fachinformationssystem Bildung waren wir also relativ spät dran. Aber das eigentlich Besondere ist nicht, dass es neu aufgebaut worden ist, sondern seine Struktur: Es ist das einzige Informationssystem, das 30 oder 40 bestehende Dokumentationseinrichtungen und –stellen zusammengeführt hat. Dieser völlig andere Ansatz hat natürlich mit den föderalen Strukturen in der Bildungspolitik zu tun. Eine zentralistische Struktur hätte politisch überhaupt nicht umgesetzt werden können.

Föderale Struktur heißt also, aus jedem Bundesland liefert eine Dokumentationseinrichtung ihre Datensätze in das zentrale Fachinformationssystem?

Nein, denn in den Ländern war die Situation im Hinblick auf die Dokumentation völlig unterschiedlich. Und zugeliefert haben immer um die 30 Institute, bis heute kommen die aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen wie etwa der Kirche oder den Hochschulen. Bei der ersten Tagung waren 40 Vertreter aus unterschiedlichen Instituten anwesend, viele davon mit einer Haltung, die man als „Abwehrinteresse“ bezeichnen kann: „Mal schauen, was die da machen, wir machen weiter wie bisher.“ Dazu kommt, dass die kooperierenden Institute und Einrichtungen alle sehr unterschiedlich ausgestattet waren – fachlich, sachlich und personell. FIS Bildung ist bis heute darauf angewiesen, was die Partnereinrichtungen liefern.

Und welche Schwierigkeiten gab es zu überwinden?

Dass FIS Bildung ans DIPF gekommen ist, war in großen Teilen tatsächlich mein Werk – da bin ich auch ein bisschen stolz drauf (lacht). Da gab es schon Begehrlichkeiten, denn eine solche zentrale Dokumentationsstelle wollten auch andere Institutionen und die Bundesländer bei sich verankern. Dazu kamen die zwei politischen Lager, die es – heute schwer vorstellbar – in den 90erJahren in Deutschland noch gab: Auf der einen Seite die SPD, die für sich in Anspruch nahm, fortschrittlich zu sein, und auf der anderen Seite eine eher konservative, durch die CDU verkörperte Haltung. Die Kolleginnen und Kollegen in den Einrichtungen der verschiedenen Bundesländer selbst waren nicht so sehr das Problem, aber auf der Bund-Länder-Ebene haben die Kollegen natürlich immer eine politische Haltung vertreten. Für die Bayern war es damals kaum vorstellbar, dass die als links geltenden, roten Hessen ein Fachinformationssystem Bildung bekommen sollen. Da konnte man nur durch vertrauensbildende Maßnahmen entgegenwirken. Nach und nach merkten aber alle Ländervertreter in der BLK, dass mit diesem Modellversuch nichts exekutiert, sondern nur koordiniert werden sollte.

Der letztlichen Entscheidung gingen also viele Diskussionen voraus?

Ja, das kann man so sagen! Es hat schon recht vieler Anstrengungen bedurft, bis der Modellversuch endlich bewilligt wurde. Die übliche Förderzeit damals lag bei drei Jahren, danach gab es dann noch eine Verlängerung um weitere zwei. Wir hatten also insgesamt fünf Jahre Zeit, das Modell zu entwickeln, auf die Beine zu stellen und zu erproben. Und mit den 3,5 bewilligten Personalstellen war dann auch sehr schnell klar, dass keine eigenständige Dokumentation geleistet werden kann, sondern nur eine Koordination bestehender Dokumentationsstellen möglich ist. Um all diese Institute mit jeweils eigenen Vorstellungen zusammenzubringen, war schon sehr viel Fingerspitzengefühl und Verständnis notwendig. Ich bewundere es noch immer, wie Alexander Botte und Doris Bambey es in dem schwierigen Feld geschafft haben, alle Beteiligten davon zu überzeugen, eine CD-ROM zu produzieren (Anm. der Red.: Die CD-ROM wurde zu Beginn der Nullerjahre dann vom Fachportal Pädagogik mit integrierter FIS Bildung Literaturdatenbank abgelöst). Neben der rein fachlichen Aufgabe war das zweifellos eine großartige Leistung. Aber spätestens mit der Umstellung von reinen Bibliographien auf eine CD-ROM war allen Beteiligten klar, dass sie nur profitieren konnten! Rückblickend ist es ein toller Erfolg, dass deren Verkauf an Universitäten und viele andere Einrichtungen sogar noch Erlöse erzielt hat! Für die Zukunft wünsche ich der FIS Bildung Literaturdatenbank, dass der Verbund auch weiterhin so gut und erfolgreich zusammenarbeitet wie bisher!

Vielen Dank für das Gespräch, lieber Herr Schermer!


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


In dieser Reihe auch veröffentlicht:

28Jun/17

„Literaturinformationssysteme müssen einfacher, handhabbarer werden.“

Quelle: bildungsserver Blog Autor: Schumann

25 Jahre FIS Bildung Literaturdatenbank (6)

Eva Elisabeth Kopp, Fachreferentin für Psychologie, Bildungs- und Sozialwissenschaften an der SULB Saarbrücken


FRAGEN AN
Eva Elisabeth Kopp, Fachreferentin für Psychologie, Bildungs- und Sozialwissenschaften an der SULB Saarbrücken und Mitglied der Kommission für Fachreferatsarbeit im Verein Deutscher Bibliothekarinnen und Bibliothekare. Wir sprachen mit ihr über Fachinformationssysteme im Allgemeinen und die Informationskompetenz der Studierenden im Besonderen.

 

 

 

 

Frau Kopp, was macht eigentlich eine Fachreferentin einer Universitätsbibliothek?

Ich betreue den zentralen Bibliotheksbestand für die Fächer Bildungswissenschaften, Psychologie und Sozialwissenschaften und schule Studierende im Umgang mit unseren Datenbanken und Informationsangeboten; darunter natürlich auch die FIS Bildung Literaturdatenbank und das Fachportal Pädagogik.

Was muss ein Fachinformationssystem aus Ihrer Sicht leisten?

Aus Sicht der Studierenden wäre sicherlich ein Informationssystem hilfreich, das zentral alle Literaturnachweise, Volltexte mittels Authentifizierung und Weblinks zu einem Fachgebiet bzw. Thema bereitstellt, und dazu noch Kontakte zu Experten vermittelt, denen man direkt Fragen stellen kann. In den jetzigen Systemen sind ab und an einige Hürden zu überwinden, die eigentlich nur für den Informationsexperten Routine sind.

Zum Beispiel?

Die vielen Ausnahmen, auf die man bei einer Recherche in ein und demselben Informationssystem stößt, sind oft schwer zu vermitteln: Bei dem einen Datensatz kommt man an der einen, beim anderen an einer anderen Stelle nicht weiter. Es sind Systeme, die sich aus verschiedenen Quellen speisen, und es ist viel Koordinationsaufwand notwendig, um ein solches Informationssystem einzurichten und zu pflegen. Und dann besteht ja auch die Notwendigkeit, sich dem aktuellsten Nutzerverhalten anzupassen. Dort zu sein, wo der Nutzer ist und nicht darauf warten, dass man gefunden wird. Ich finde, die Literaturinformationssysteme müssen einfacher, handhabbarer werden. Dann stelle ich auch immer wieder fest, dass Angebotsstrukturen entwickelt werden, die es an anderer Stelle bereits gibt. Zum Beispiel finde ich es unsinnig, dieselbe Zeitschrift in unterschiedlichen Datenbanken auszuwerten. Das ist zeit- und kostenintensiv, und der Nutzer weiß irgendwann nicht mehr, welche Datenbank welches Profil hat, und worin der Mehrwert seines Fachinformationssystems besteht. Studierende kann das sehr verwirren. Aber viele Fachinformationssysteme sind da auf einem guten Weg. Ich weiß, wie viel Arbeit sich dahinter verbirgt.

Wie ist es um die Informationskompetenz der Studierenden bestellt?

In unseren Seminaren zeige ich den Studierenden unser Wissensportal, in dem unsere Bestände und die lizenzierten elektronischen Ressourcen eingebettet sind. Über DBIS führe ich sie auch in die Welt der frei verfügbaren Quellen ein. Dazu gehört auch die FIS Bildung Literaturdatenbank. Da Studierende auch oft von zu Hause recherchieren – sie loggen sich mit ihrer Kennung ein und können so die elektronischen Ressourcen nutzen – erkennen sie den Unterschied zwischen einer freien und den von der SULB  lizenzierten Quellen oft gar nicht. Letztlich ist ihnen das auch gleichgültig. Denn in Zeiten schneller Credit Points und kurzer Studienzeiten zählt eigentlich nur der direkte Weg zum Volltext. Deshalb sind Volltextdatenbanken oder Datenbanken mit direkter Verknüpfung zu den von uns lizenzierten Inhalten oder eben zu frei zugänglichen Quellen sehr attraktiv. Die Informationskompetenz ist ein wichtiges Thema. Da kann man nicht zu viel schulen, da sich ja auch vieles rasch ändert.

Die Schulungen sind also sinnvoll?

Auf jeden Fall! Im Zusammenspiel mit Fachbereich und Studienplan sind wir gefragt. Aber es zeigt sich, dass es immer schwieriger wird, in den Bachelor- und Masterstudiengängen ergänzende Veranstaltungen zur Informationskompetenz überhaupt zu platzieren. Die Studenten kommen meist schon mit einer überschaubaren und vordefinierten Anzahl erwünschter Quellenangaben für ihre Referate und Hausarbeiten. In weitergehenden Recherchen oder weiter gefassten Schlagworten sehen sie eigentlich gar keinen Sinn. Und das, obwohl wir als Universitätsbibliothek ein großes Spektrum an Modulen zur Vermittlung von Informationskompetenz anbieten: Wie nutze ich den zentralen Bibliothekskatalog? Wie recherchiere ich in dieser oder jener Datenbank? Wenn Studierende dann mit einem ganz konkreten Thema kommen, recherchiere ich natürlich mit ihnen in der jeweiligen Fachdatenbank – zum Beispiel in der FIS Bildung Literaturdatenbank – und zeige, wie sich Themenaspekte noch weiter präzisieren lassen. Da die Forschung an der Uni Saarbrücken recht psychologielastig ist, sind eher englischsprachige Volltexte gefragt als die FIS Bildung Literaturdatenbank.

Wenn Sie sich noch was von einem Fachinformationssystem wünschen könnten – was wäre das?

Webinare, mit denen in einer halben Stunde am Bildschirm die Struktur und die wesentlichen Funktionen mitsamt Hilfen noch einmal präsentiert und erklärt werden. So etwas finde ich richtig gut, weil ich da mein Wissen immer wieder auffrischen kann – ohne große Hürden.

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Frau Kopp!


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


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27Jun/17

„Über die FIS Bildung ist unser Angebot auch in den Bibliotheken der Schweizer Hochschulen bekannt geworden.“

Quelle: bildungsserver Blog Autor: Schumann

25 Jahre FIS Bildung Literaturdatenbank (5)

Michel Rohrbach, Leiter des Informations- und Dokumentationszentrum (IDES), Schweiz


FRAGEN AN Michel Rohrbach, Leiter des Informations- und Dokumentationszentrum (IDES) der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK), dem schweizerischen Pendant zur deutschen Kultusministerkonferenz. Aufgabe von IDES ist es, das föderale Bildungswesen in der Schweiz mit seinen 26 Kantonen zu dokumentieren. Das Akronym, das übrigens in allen vier Schweizer Landessprachen sowie in Englisch funktioniert, steht für „Information Dokumentation Erziehung Schweiz“. Mit Michel Rohrbach sprachen wir über die Bedeutung der FIS Bildung Literaturdatenbank aus Schweizer Perspektive.

 

 

 

Herr Rohrbach, seit wann besteht die Kooperation zwischen IDES und dem Fachinformationssystem Bildung?

Der Vertrag mit FIS Bildung wurde formal 1998 geschlossen, aber wir waren schon vorher am FIS-Verbund beteiligt. „Ordentliches Mitglied“ sind wir also seit genau 19 Jahren. Ähnlich wie das Dokumentationszentrum der KMK richtet sich IDES mit seiner Arbeit eher an der Bildungspolitik und Bildungsverwaltung aus als an der Bildungsforschung. Durch die Führung des Dokumentenservers edudoc.ch und die dadurch entstandene Zusammenarbeit, tragen wir aber auch dazu bei, die Fachliteratur von Einrichtungen der Schweizer Bildungsforschung und Erziehungswissenschaft zu sammeln und zu dokumentieren; dazu gehören beispielsweise die Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) oder die Stiftung Schweizer Zentrum für Heil- und Sonderpädagogik (SZH). Beide sind übrigens auch Mitglied im FIS Bildung-Verbund.

Welches Segment an Fachliteratur deckt IDES an der FIS Bildung Literaturdatenbank ab?

IDES dokumentiert hauptsächlich die Strukturen und Entwicklung der Bildungssysteme in den Kantonen der Schweiz, deren Schulgesetzgebung und andere Regelungen. Aber aufgrund der Zusammenarbeit über den Dokumentenserver mit der SKBF und anderen Einrichtungen liefern wir auch Datensätze, die mit Bildungsforschung zu tun haben, etwa Artikel einschlägiger Journals und Monographien. Über diesen Weg können wir die Fachliteratur zur gesamten Bildungsforschung in der Schweiz an die FIS Bildung liefern.

Was haben sie als Schweizer Informations- und Dokumentationszentrum von der Kooperation?

Wir haben von der Zusammenarbeit immer extrem profitiert! Zum einen haben wir über die Mitarbeit an der FIS Bildung Literaturdatenbank die Möglichkeit, unser Angebot auch an den Bibliotheken der Hochschulen und den Instituten für Bildungsforschung und Erziehungswissenschaften bekannt zu machen. Zum anderen macht der regelmäßige Austausch an den Tagungen die Kooperation für uns so attraktiv – dort werden viele für uns relevante Themen behandelt. Ein paar Beispiele: Zu Beginn unserer Zusammenarbeit gab es viele Diskussionen über die Evaluation von IuD-Einrichtungen (Anm. der Red. Information und Dokumentation) in Deutschland. In der Schweiz haben wir zwar ein anderes System der Finanzierung, aber für uns war es sehr wichtig zu sehen, wie sich die deutschen Einrichtungen präsentieren und positionieren: Was machen wir eigentlich genau? Wo liegen unsere Stärken? Auch wenn wir solchen Evaluierungsprozessen nicht unterliegen, haben wir in unserer Arbeit von diesen Überlegungen sehr profitiert. Ein anderer Punkt sind die technischen Entwicklungen: Wir waren in der Schweiz zwar anfangs schneller, weil wir uns in der Lage befanden, selber einen Dokumentenserver mit vergleichsweise wenig finanziellen Mitteln aufzubauen, wurden dann aber schnell überholt von den deutschen Einrichtungen – sie bekamen mehr Mittel und konnten die technische Entwicklung deshalb besser vorantreiben. Und aktuell werden Fragen rund um Forschungsdaten erörtert: Wo und wie können sie eingebettet werden? In welchem Zusammenhang stehen sie mit den Literaturinformationen? Auch das sind für uns relevante Entwicklungen, an denen wir als IDES sonst nicht teilhaben könnten, weil wir nicht im universitären Bereich aktiv sind und uns darum die Anknüpfungspunkte fehlen.

Wie wird die FIS Bildung Literaturdatenbank in der Schweiz wahrgenommen?

Für mich als Schweizer ist es interessant zu sehen, wie die Strukturen der finanziellen Förderung in Deutschland ausgestaltet sind. Zu verfolgen, wie Projekte beantragt werden, welche bewilligt und umgesetzt werden – und welche Entwicklungen daraus erwachsen oder eben auch nicht. Und natürlich ist die FIS Bildung Literaturdatenbank aufgrund ihrer Größe einfach bekannter. Deshalb konnte sie uns auch Türen in den universitären Bereich öffnen; IDES und FIS Bildung ergänzen sich gut. Zum Studienbeginn werden den Studierenden in der Schweiz alle wichtigen nationalen und internationalen Informationssysteme vorgestellt, neben den beiden genannten auch internationale Datenbanken wie ERIC und andere. Allerdings ist es schwer zu sagen, wie stark die Angebote am Ende wirklich genutzt werden.

Was schätzen Sie am FIS Bildung-Verbund – und was wäre aus Ihrer Sicht noch wünschenswert?

Was ich schön finde ist, dass die Leute bei FIS schon lange dabei sind. Dadurch ist der Austausch sehr offen, unkompliziert und von Kontinuität geprägt. Das schätze ich wirklich sehr, und ich gehe auch weiterhin sehr gern zu den Tagungen! Was ich mir noch wünschen würde? Vielleicht einen Austausch mit Kollegen aus anderen benachbarten europäischen Ländern, Italien oder Frankreich wäre interessant. Es könnte von Nutzen sein, sich da noch weiter zu öffnen.

Vielen Dank für das Gespräch, lieber Herr Rohrbach!


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


In dieser Reihe auch veröffentlicht:

 

26Jun/17

„Die FIS Bildung Literaturdatenbank unterstützt die Vernetzung von Fachdidaktikern.“

Quelle: bildungsserver Blog Autor: Schumann

25 Jahre FIS Bildung Literaturdatenbank (4)

Dr. Friederike Korneck


FRAGEN AN
Dr. Friederike Korneck Akademische Oberrätin am Institut für Didaktik der Physik der Universität Frankfurt und Mitglied des Vorstands der Gesellschaft für Fachdidaktiken (GFD). Für sie ist die FIS Bildung Literaturdatenbank ein unentbehrliches Instrument für den wechselseitigen Austausch und die Zusammenarbeit innerhalb der Fachdidaktik-Community mit ihren 22 Unterrichtsfächern und mindestens ebenso viele Einzelgesellschaften für Fachdidaktik.

 

 

 

 

Frau Dr. Korneck, wie hängen die Gesellschaft für Fachdidaktiken und die FIS Bildung Literaturdatenbank zusammen?

Wir sind sehr froh, dass sich das FIS Bildung-Team für die Literatur aus den vielen verschiedenen Fachdidaktiken engagiert und dafür sorgt, dass sie in der Literaturdatenbank gut vertreten sind. Mit knapp 20.000 Nachweisen ist das Angebot an fachdidaktischer Literatur auch sehr groß. Die FIS Bildung ist für uns so wichtig, weil wir uns hier über die Forschungsideen und -methoden unserer Kollegen informieren können und damit der wissenschaftliche Austausch über die Disziplinen hinweg möglich wird. Es gibt ja neben den fachspezifischen Anteilen immer auch Gemeinsames – und das nicht nur innerhalb der Naturwissenschaften. Gerade im didaktischen Bereich kann man gut fächerübergreifend voneinander lernen! Auf unserer Mitgliederversammlung Ende Mai zeigte sich, dass die FIS Bildung Literaturdatenbank unter den Fachdidaktikern der verschiedenen Disziplinen ein sehr wichtiges Rechercheinstrument ist.

Ist nicht auch die Sichtbarkeit innerhalb der Bildungsforschung wichtig?

Ja natürlich! Die Fachdidaktiken sind an den Universitäten– mit wenigen Ausnahmen wie zum Beispiel die erziehungswissenschaftliche Fakultät in Hamburg – bei den jeweiligen Fächern angesiedelt und eben nicht bei den Erziehungswissenschaften. Diese räumliche Nähe zum jeweiligen Fach ist zwar eine gute Sache, aber sie erschwert den Austausch unter den Fachdidaktikern und mit den Bildungswissenschaftlern. Deshalb ist es wichtig, dass wir Fachdidaktiker z.B. bei den Tagungen der Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung (GEBF) auftreten und so dafür sorgen, dass unsere Forschungsergebnisse von der Community der empirischen Bildungsforschung wahrgenommen und anerkannt werden. Diese Vernetzung, die durch die Literaturdatenbank zusätzlich unterstützt wird, ist für uns wichtig.

Was könnte an der FIS Bildung aus Ihrer Sicht noch optimiert werden?

Schade finde ich, dass Artikel aus unterrichtspraktischen Zeitschriften häufig nicht online als pdf am eigenen Computer verfügbar sind. Oft kommt man an interessante Artikel nicht gut heran, entweder weil die Wege so lang sind, oder eine Zeitschrift in der Bibliothek eben nicht vorgehalten wird. Aber das ist eigentlich kein Problem der Literaturdatenbank, sondern der Verlage, die nicht so mitmachen, wie das für Wissenschaftler wünschenswert wäre. Dafür werden aber zukünftig  wichtige Open Access-Zeitschriften aufgenommen, das ist ein großer Vorteil.
Generell würden wir Didaktiker uns noch mehr graue Literatur wünschen wie Tagungsdokumentationen, Projektberichte oder auch Veröffentlichungen aus den Ministerien – das wäre ein echter Gewinn. Der Dokumentenserver pedocs wäre dafür genau der richtige Ort.

Und was finden Sie besonders gut?

Dass die Fachdidaktiken nicht nur bei der FIS Bildung Literaturdatenbank, sondern im gesamten Angebot des Fachportals Pädagogik so gut vertreten sind. Leider ist es nicht ganz übersichtlich, man muss immer verschiedene Stellen konsultieren: Die FIS Bildung, den Guide Bildungsforschung oder ProHabil – übrigens eine Datenbank, in der man sehr viele interessante Dissertationen und Habilitationen der Fachdidaktiken findet. Aber mit dem geplanten Relaunch wird die Nutzerführung ja deutlich verbessert werden. Und dann gibt es auch noch forschungsdaten-bildung.de, ein tolles Angebot! Hier habe ich vor einigen Monaten Forschungsdaten aus einem Projekt abgegeben – und von den Kollegen dort so viel Unterstützung erfahren, dass es am Ende kaum Arbeit für mich war. Und jetzt sind die Daten gut dokumentiert und können von anderen Wissenschaftlern gefunden und sogar zitiert werden. Ein großartiger Service, den ich wirklich jedem Kollegen empfehlen kann.

Vielen Dank für das Gespräch, liebe Frau Dr. Korneck!


Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Christine Schumann für Deutscher Bildungsserver


In dieser Reihe auch veröffentlicht: