(Gar nicht so) Neues Konzept: Flipped Classroom

Kind am Strand versucht Kopfstand

Mal alles auf den Kopf stellen und die Perspektive verändern || Foto: M. Muecke (www.kankuna.de)

Wie wäre es denn, mehr Zeit für Diskussionen, Fragen, Gruppenarbeit oder Klausurvorbereitungen während der Präsenztermine zu haben? Wie wäre es denn, nicht zum n-ten Mal die gleiche Einführungsvorlesung zu halten, sondern direkt mit bestens vorbereiteten Studierenden tiefer in die Materie einzusteigen?

Geht nicht? Geht doch! Mit dem Prinzip des “Flipped” oder “Inverted Classroom”, auf deutsch auch schonmal holprig “Umgedrehtes Klassenzimmer” genannt.

Ob Schule oder Studium, das Prinzip dieses didaktischen Konzepts funktioniert so: Die Lernenden bereiten sich erst mit Online-Material, z.B. Vorlesungsaufzeichnungen, Podcasts oder Wikis, auf ein Thema vor. Der Präsenztermin wird für die Lösung von Aufgaben oder anderen dialogischen Lernmethoden genutzt. Dabei steht der Dozent oder Tutor unterstützend zur Seite, offene Fragen, die das vorbereitende Material nicht beantworten konnte, können in Präsenz beantwortet werden. An der Beantwortung können sich zudem auch die Lerner selber beteiligen.

Ohne es zu wissen, oder genauer gesagt: ohne diesen griffigen Namen zu kennen, habe ich dieses Prinzip bereits im Wintersemester 2010 ausprobiert und hier beschrieben. Inzwischen gibt es also einen prima Namen und zu meiner Freude widmen sich nun auch in Deutschland immer mehr Didaktiker und Pädagogen dieser Methode.

Ausgangslage

Es gibt typische Probleme, die wohl jeder Lehrende kennt, der seine Arbeit reflektiert. Dazu gehören (“Studierende” ist beliebig mit “Schüler” oder “Lernende” austauschbar):

  • In Präsenzveranstaltungen wird nur für einen Teil der Studierenden gelehrt aufgrund unterschiedlichen Vorwissens. Fortgeschrittene Studierende würden gerne schneller weiterkommen im Thema (und langweilen sich), während Studierende mit Verständnisschwierigkeiten überfordert sind (und langweilen sich auch oder agieren aggressiv). Dazwischen befindet sich der Teil der Studierenden, für den Inhalte und Tempo aktuell genau richtig sind. Differenzierte Lehre und Unterstützung ist in diesen Situationen nicht möglich.
  • 90% der Unterrichtszeit wird für die Vermittlung theoretischer Grundlagen verwendet, während nur 10% für die Anwendung des Erlernten zur Verfügung stehen.

Lösungsansatz mit Flipped Classroom

Die umgekehrte Lehr-Lernsituation bietet Lösungswege für diese Probleme an:

Studierende lernen mit

  • Videos (können so oft angesehen werden, vor- oder zurückgespult werden wie benötigt)
  • online einsehbare und kommentierbare (z.B. in Wikis) oder herunterladbaren Daten (lokale oder mobile Verfügbarkeit, Screen oder Print, ganz nach eigenen Präferenzen)
  • Foren zur Klärung von Zwischenfragen (Fragen an Mitstudierende oder Lehrende)

Auf diese Weise wird ein selbstgesteuerter Lernprozess gefordert und gefördert, ebenso wie die eigene Zeiteinteilung. Durch die individuelle Differenzierung je nach Vorwissen oder Erfassungsfähigkeit haben mehr Lernende substantielle Lernerfolge, denn im nächsten Schritt, im Präsenztermin, sind sie angemessen vorbereitet und können auch diese Zeit besser nutzen.

Alternative Gestaltung von Präsenzterminen

Durch die multimediale und orts- sowie zeitunabhängige Vorbereitung ist es möglich, die Präsenztermine anders als üblich zu gestalten, z.B. durch

  • Aufteilung in Gruppen je nach Verständnisgrad
  • Lehrende sind Teil der Lerngruppe, sie “unterrichten” nicht, sondern begleiten im Lernprozess
  • Fragen aus der Online-Kommunikationsphase können beantwortet werden, oder Fragen, die während der Anwendung entstehen
  • Anwendung des Gelernten in den Gruppen, direkt unterstützt durch die Lehrenden
  • 90% der Präsenzzeit wird für die Anwendung des Erlernten genutzt, 10% für weitere Erklärungen etc. (Review of content)

Insgesamt kommt dieses Konzept auch der jüngeren Vorstellung entgegen, dass sich die Rolle der Lehrenden gewandelt hat. Wer sich als Teil einer Lerngruppe begreift und nicht mehr als omnipotente Enzyklopädie, die zudem Legislative und Exekutive des Schul- oder Universitätsappartes in einer Person vereint, kann tatsächlich die Lernenden als Partner verstehen und ein respektvolles Miteinander-Lernen gestalten.

Nutzbare Technologien

In den meisten Darstellungen des Flipped-Classroom-Konzepts sind Vorlesungsaufzeichnung das dominierende Medium für die Onlinephasen, oft sogar das einzige. Dabei bieten sich eine ganze Reihe weitere digitaler Instrumente an, mit denen die Einarbeitung in den Lernstoff angeregt und erleichtert werden kann. Dazu gehören z.B.

  • Smartboards
  • Screencasts
  • Wikis
  • Foren
  • Datenclouds

oder Kombinationen daraus, z.B. auf Lehr-Lern-Plattformen.

Weiter lesen

Und hier noch ein paar Links zur Vertiefung:

  • Die “Väter” des Konzepts, Aaron Sams und Jonathan Bergmann, werden in einem Youtube-Film vorgestellt
  • Ein anderer Lehrer, John Sowash, hat das Konzept ausprobiert und berichtet in seinem Blog darüber
  • Da Videos ein zentrales Element im ursprünglichen Konzept sind, ist der Artikel im Bog von WizIQ interessant
  • Ein sehr gutes Video zum Thema findet man beim Friday Institute
  • Auch der Telegraph hat sich dem BuzzWord gewidmet
  • Das das Thema im deutschsprachigen Raum angekommen ist, zeigt das ZUM-Wiki
  • Gänzlich dem Konzept gewidmet ist das sehr lesenswerte Blog Inverted Classroom in Deutschland – die AutorInnen (Alexander Sperl und Anna Maria Schäfer) organisieren 2012 eine Tagung zum Thema.
  • Das Konzept schon vor längerer Zeit vorweggenommen und auf seine eigene Art umgesetzt hat Prof. Karsten Morisse. Sein erfolgreiches Szenario wird auf campuseducation vorgestellt.

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15.12.2011, Ergänzung: Dieser Artikel wurde auch auf XING kommentiert und dabei wurde als Beispiel für das Konzept “Flipped Classroom” die Khan Academy genannt. Diese ist m.E. aber einfach nur ein Angebot an thematischen Videos, wie es auch Sofatutor zur Verfügung stellt. Ein didaktisches Konzept ist das nicht, sondern ein Service, mit dem sich offenbar gut Geld verdienen läßt. Einen sehr guten, differenzierten Artikel hierzu hat Diana Senechal geschrieben: It’s a Video Library, Not a Revolution.

Didaktik, Motivation & Methoden, Konzeption

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